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Die letzte Warnung
Einem jungen Bergmann wurde beim Spaziergang an einem Sonntagnachmittag
von einem Fremden ein Blatt angeboten, welches die
Überschrift trug: „Zur rechten Zeit!" Während der Empfänger laut für
sich die Überschrift las, sagte der Geber:
„Ja, mein Freund, zur rechten Zeit! Möchten Sie nicht zu spät kommen
für den Himmel!"
Der Bergmann, ein hochgewachsener junger Mann voll Kraft und Gesundheit,
lachte oder spottete nicht, sondern bedankte sich mit freundlichem
Ernst. Zwei Tage später, am Dienstagabend, wurde der, welcher
das Blatt gegeben hatte, plötzlich aus seiner Wohnung gerufen, um eilends
zu diesem Bergmann zu kommen, der sterbend liege. Der Mann,
welcher ihn rief, erzählte unterwegs, was geschehen war. Der junge Bergmann
war am Morgen wie gewöhnlich in den Förderkorb gestiegen,
um mit seinen Kameraden in die Tiefe hinabgelassen zu werden. Ehe
noch der Korb den Boden der Grube völlig erreicht hatte, war er aus
demselben gesprungen; er hatte das schon oftmals getan, ohne irgendeine
Gefahr zu befürchten. Dieses Mal aber war sein Fuß ausgeglitten.
Der herabkommende Korb schloß unten eine eiserne Falltür; auf dieser
festen Grundlage ruhte er, bis er wieder in die Höhe gezogen wurde.
Infolge des Ausgleitens seines Fußes war es nun dem jungen Bergmann
nicht gelungen, rasch genug beiseite zu springen; die zuschlagende
Falltür hatte ihn erfaßt und gegen die Wand des Schachtes gedrückt.
Auf ein Zeichen der entsetzten Bergleute wurde der Korb allerdings
rasch wieder emporgezogen, aber das gewaltige Gewicht hatte ihrem
armen Kameraden die Brust eingedrückt. Nach der Aussage des Arztes
konnte der Verunglückte nur noch wenige Stunden leben.
Welch ein Schauspiel bot sich den Blicken des Eintretenden! Da lag
der starke Mann, den er kaum zwei Tage vorher in der vollen Kraft seiner
Jugend gesehen hatte, hilflos, unfähig, ein Wort zu sprechen, dumpf
röchelnd, nach Atem ringend. Geisterhafte Blässe bedeckte sein Antlitz;
die Augen waren weit aus ihren Höhlen getreten; von Zeit zu Zeit
entrang sich der gequälten Brust ein tiefes, schmerzliches Stöhnen; über
ihn hingebeugt stand seine junge Frau — nur eine Woche hatte ihr eheliches
Glück gedauert! — Keine lindemde Träne benetzte ihre Wangen;
das Unglück war zu plötzlich gekommen, der Schmerz zu gewaltig!
Der Bote Jesu, welcher jetzt an dies Sterbebett trat, redete liebevoll
zu dem Sterbenden von dem, der ihn schon lange suchte und jetzt in
dieser Stunde Seine Gnadenhände ihm entgegenstreckte. Dann beugten
die junge Frau, die Freunde des Verunglückten mit dem Zeugen
Gottes unter Tränen ihre Knie, um den lebendigen Gott anzurufen,
daß Er die Seele des Sterbenden noch in der elften Stunde erretten
und ihm Vergebung und Frieden im Glauben an das vergossene Blut
des Lammes schenken wolle. Als man sich vom Gebet erhob, war in
den Zügen des Sterbenden eine auffallende Veränderung eingetreten.
Wohl lag noch die Blässe des Todes und der Ausdruck körperlichen
Leidens auf seinem Antlitz — aber ein lichter Hoffnungsstrahl hatte es
erhellt, die Verzweiflung war verschwunden. Durch ein Zeichen bat er
um einen Schluck Wasser; seine Frau hob sanft sein Haupt empor und
ließ ihn aus einem bereitstehenden Glas trinken. Dann richtete er sich
noch etwas mehr auf und sagte mit klarer Stimme und mit Augen, die
nach oben gerichtet waren, als sähen sie den, mit welchem er redete:
„Zur rechten Zeit! — Gott, sei mir, dem Sünder, gnädig, um Jesu
Christi willen, Amen."
Kaum waren die letzten Worte seinen Lippen entflohen, sank sein
Haupt ins Kissen zurück; noch ein leiser Seufzer, ein kurzes Röcheln,
und — der junge Bergmann hatte ausgelitten und war als ein gerechtfertigtes
Gotteskind in die Freude seines Herrn eingegangen.
Als dieser Mann an jenem Sonntag die Schwelle einer neuen Woche
überschritt, dachte er nicht, daß das Ende seiner Erdenbahn so nahe
sein könnte. Nicht das leiseste Anzeichen deutete daraufhin, und doch
hatte er nur noch etwa fünfzig Stunden zu leben. Jenes Blatt, das er
erhielt, war die letzte Warnung.
Hiob 33, 29.30: „Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit
einem jeglichen, daß Er seine Seele zurückhole aus dem Verderben und
erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen"

Georg von Viebahn